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Ein neues Automobil namens "PHAETON"

Das neue Superauto von VOLKSWAGEN heißt "Phaeton" - dieser Name hat in den Medien einiges Staunen, auch Rätselraten ausgelöst. Phaethon ist eine Figur der antiken Sagenwelt, sein Name bedeutet wörtlich "der Strahlende, Leuchtende".

Der neue Volkswagen "Phaeton" schreibt sich allerdings nicht mit 'th', sondern nur mit 't' - das ist die französische Schreibweise desselben griechischen Namens. Bis heute bezeichnet 'le phaeton' als französische Vokabel den Kutscher und auch den offenen, viersitzigen Pferdewagen. Weil im 18. Jahrhundert die vornehme Welt französisch sprach, nannte man in England eine bestimmte Kutsche 'phaeton', nämlich einen leichten, offenen Wagen, von zwei Pferden gezogen, ideal für elegante Spazierfahrten. Solche 'phaetons' kommen - bevor sie dann im Laufe des 19. Jahrhunderts unmodern wurden - beispielsweise in den viktorianischen Romanen von Jane Austen und George Eliot vor.

Kurz: Als man ein bestimmtes englisches Kutschenmodell 'phaeton' nannte, wollte man mit dem französischen Namen die besondere Eleganz des Wagens zum Ausdruck bringen - und natürlich auch das 'savoir vivre' seines Besitzers. Von hier ist es nur noch ein kleiner gedanklicher Schritt zum Namen der allerneuesten deutschen Luxuslimousine!

Die angesprochene europäische Dimension kann nicht verwundern: Der Phaethon der griechischen Mythologie ist - wie überhaupt die Antike - ein Teil unserer abendländischen Kultur. Berühmt wurde Phaethon durch den römischen Dichter Ovid, einen Zeitgenossen des Kaisers Augustus. In seinem Meisterwerk, den "Metamorphosen", ist die Erzählung von Phaethon eine der 250 Verwandlungsgeschichten, und zwar die längste. Nach Ovid haben der Satiriker Lukian (2. Jh. n.Chr.) und der spätantike Epiker Nonnos (5. Jh. n.Chr.) den Stoff verwendet und ausgebaut. Es war gerade die großartige antike literarische Gestaltung des Phaethon-Mythos, die seit der Renaissance immer wieder Autoren, Maler und Musiker inspiriert hat. Freilich ist es eine traurige, tragische Geschichte, die da erzählt wird. Sie handelt von einem jungen, ehrgeizigen Mann, von einem hochtourigen Wagen und von den schrecklichen Folgen fahrpraktischer Inkompetenz.

Der Knabe Phaethon lebte am Hof des Königs Merops im Land der Aithiopen, der Menschen 'mit den verbrannten Gesichtern'. Seine Mutter Klymene, eine der zahlreichen Töchter des Okeanos, hatte den Merops geheiratet; jedoch war nicht er der Vater ihres Sohnes, das war vielmehr Helios, der Sonnengott (lateinisch: Sol). Obgleich Phaethon ein Sterblicher war, wie seine Mutter, bildete er sich doch auf seine göttliche Abstammung ziemlich viel ein. Als eines Tages sein Spielfreund, der den Zeus-Juppiter zum Erzeuger hatte, die Affäre der Klymene mit Helios in Zweifel zog, war Phaethon tief beleidigt: War er etwa doch nur der Sohn des Merops?! Ermuntert von seiner Mutter begab sich der gekränkte Jüngling nun zum Palast des Sonnengottes. Helios bestätigte nicht nur die Vaterschaft, sondern schwor beim gefürchteten Unterweltsfluß Styx, zum Beweis dem Sohn einen Wunsch zu erfüllen. Phaethon hat also einen Wunsch frei - und er verlangt für einen Tag, den Sonnenwagen des Vaters lenken zu dürfen.

Als Gott des Lichts, als personifizierte Sonne, fährt Helios alltäglich mit seinem Wagen über den Himmel, von Ost nach West. Die vier feurigen Himmelsrösser seiner Quadriga kann er allein zügeln und in der Bahn halten kann; nicht einmal Zeus-Juppiter wäre dazu imstande. Helios ist vom Wunsch seines Sohnes entsetzt; verzweifelt versucht er, mit den besten Argumenten den Jungen von der fatalen Idee abzubringen, sieht er doch die Katastrophe und den sicheren Tod des Sterblichen voraus. Aber Phaethon beharrt trotzig auf diesem besonderen Vaterschaftsbeweis. Nun muß ihm der Sonnengott, durch den Eid gebunden, die Quadriga überlassen. Die Zeit drängt, der Tag naht, die Töchter des Helios, Heliaden genannt, schirren die Himmelsrösser an. Phaethon besteigt also den Wagen, erhält die Zügel - und los geht's! Im ersten Temporausch greift der unerfahrene Jüngling sogar noch zur Peitsche.

Die göttlichen Pferde spüren bald, daß nicht Helios selbst die Zügel führt; sie verlassen die vorgeschriebene Bahn, reißen den Wagen mal hoch nach oben, mal tief nach unten: In der Höhe schwindelt dem Phaethon; am Firmament geraten die Sternzeichen durcheinander. Zur Erde rasend setzt das Viergespann die Gebirge in Brand: Kaukasus, Ätna und viele andere; auch die Flüsse beginnen zu kochen; hier erwähnt Ovid sogar den Rhein. Überall versengen Landschaften, verbrennen Städte; Libyen wird zur Wüste, die Mohren werden schwarz. In der Unterwelt, wohin durch die hier und dort berstende Erdoberfläche Licht dringt, schrecken Hades und Persephone auf.

Indessen ist Phaethon in dichten Rauch und fliegende Asche gehüllt; er bereut seine maßlose Forderung an Helios - zu spät. Die Erdgöttin Tellus fleht zum Himmel und wird erhört: Der höchste Gott Zeus schleudert seinen Blitz und tötet Phaethon. Dessen Leichnam stürzt mit brennenden Haaren aus dem Wagen und fällt in den Fluß Eridanos - das ist der Po in Norditalien. Dann löscht Zeus mit seinem Regen den Weltenbrand. Am Ufer des Po trauern nun die Heliaden um ihren Bruder; als Helfershelferinnen werden sie zur Strafe in Pappeln verwandelt; ihre Tränen, die noch aus den Baumrinden perlen, werden später im Sonnenlicht zu Bernstein. Auch Helios betrauert seinen Sohn; ihn muß Zeus zwingen, den alltäglichen Himmelslauf wiederaufzunehmen. Damit ist dann die kosmische Ordnung wiederhergestellt. Nur knapp ist die Erde ihrer Zerstörung entgangen, ihrer Rückverwandlung ins urzeitliche Chaos.

Was will uns der Phaethon-Mythos sagen? Mythos kündet Gültiges über die Götter und ihr Verhältnis zu den Menschen, also über die Entstehung und Ordnung dieser Welt. Nicht erst in der Neuzeit hat man sich um Mythendeutung bemüht. Was die Auslegung der Phaethon-Sage betrifft, so geht sie nach Meinung des großen Philosophen Platon auf tatsächliche Abstürze von Himmelskörpern zurück; nicht zufällig fliegt Phaethon wie ein Komet mit Feuerschweif auf die Erde zu!

Nach einer weiteren, schon in der Antike formulierten These wäre Phaethon ein astrologisch kundiger König (aus Epirus, dem heutigen Albanien) gewesen, der eine große Dürre prophezeite, selbst nach Italien floh und dann dort durch einen Zufall im Po ertrank. Durchaus entsprechend meinte die bis ins 18. Jahrhundert übliche natur-allegorische Deutung antiker Mythen, daß hinter Phaethon und seiner Himmelsfahrt die Erinnerung an eine frühzeitliche Hitzekatastrophe steckte.

Am beliebtesten war aber zu allen Zeiten die moralisch-allegorische Interpretation. So lehrt uns Phaethon "...daß sich junge Leute keiner Dinge unterfangen sollen, denen sie nicht gewachsen sind. Insonderheit aber soll er (= Phaethon) einen jungen Regenten vorstellen, der Land und Leute noch nicht zu regieren weiß, und sie mithin gar leicht in den äußersten Ruin setzet..." (aus: Zedlers Universallexikon, 1741). Die politische Dimension liegt auf der Hand. Und es ist kein Zufall, daß der gut gelenkte Sonnenwagen als Symbol für den guten Herrscher ein beliebtes Bildmotiv an Fürstenhöfen war, etwa als Deckengemälde in barocken Palästen!

Ist angesichts dieser Katastrophengeschichte "Phaeton" als Autoname gut gewählt? 'Phaethon', 'der Strahlende, Glänzende' war ursprünglich - so schon beim alten Homer - ein Beiname des Helios und bezeichnete diesen auch selbst. Erst in Ableitung vom Sonnengott erhielt später der unglückliche Sohn diesen Namen.

Nennt man ein Fahrgerät 'Phaeton', so wie schon im 18. Jahrhundert, dann spielt dies auf die Karosse an, also auf den Sonnenwagen, denn keinen anderen als diesen hatte der mythische Katastrophenfahrer benutzt. Seither lenkte ja auch Helios wieder seine Quadriga. Kurz: Durch seinen Namen 'Phaeton' signalisiert das Superauto, daß es eine himmlische Limousine, ein einzigartiger, geradezu göttlicher Wagen ist, unter dessen Motorhaube nicht irgendwelche PS, sondern die Himmelsrösser des Helios-Phaethon stecken!

Linda-Marie Günther